Mit Wuchshüllen zum klimaresilienten Wald

Die Klimakrise der jüngsten Geschichte führte zu einem vermehrten Auftreten von Wetteranomalien wie Sturmereignisse und Dürreperioden, die unseren Stadtwald sehr gebeutelt haben. Am 28. Februar und 1. März 1990 verursachten die Stürme Vivian und Wiebke große Schäden und am 2. Weihnachtsfeiertag 1999 hinterließ der Sturm Lothar eine breite Schneise der Verwüstung in Süddeutschland, während der Sturm Kyrill am 18. Januar 2007 mehr in Mittel- und Norddeutschland wütete, aber auch bei uns Bäume umwarf oder abknickte. Langanhaltende, trockene und heiße Dürresommer in den Jahren 2003, 2018, 2019, 2020 und weitere Hitzerekorde im Sommer 2022 verursachten irreparable Dürreschäden besonders in unseren heimischen Buchenbeständen. Dazu kam jeweils die Massenentwicklung von Borkenkäferschwärmen, die viele unserer Nadelbaumbestände zum Absterben brachten.
Jedes dieser Schadereignisse forderte unsere Waldarbeiter und Förster heraus. Sie hatten dafür zu sorgen, dass auf den entstandenen Waldblößen schnell wieder Wald nachwächst. Aber es sollte nicht irgendein Wald sein. Es sollte ein den Klimakapriolen gegenüber widerstandsfähigerer Wald, man sagt auch ein klimaresilienter Wald, sein. Zu den klimaresilienten Baumarten zählt unser Förster Ulrich Klotz vor allem die Eichenarten. Diese sollen aber nicht als Reinbestand, also nur aus Eichen bestehend, aufwachsen, sondern in einem Mischwald aus verschiedenen widerstandsfähigeren Baumarten wie der Elsbeere, dem Speierling, der Linde, dem Feldahorn, der Waldkirsche und im Unterstand der Hainbuche. Gemeinsam ist fast allen diesen Baumarten, dass sie das Sonnenlicht brauchen, um in der Konkurrenz mit den anderen Bäumen aufwachsen zu können. Die einzige Ausnahme ist die Hainbuche, sie kann auch im Schatten gedeihen.
In Ökosystemen, wie unser Wald eines ist, gibt es die verschiedensten Einflüsse, die deren Weiterentwicklung sehr stark beeinflussen können. Das einfallende Sonnenlicht hilft eher der Verjüngung der lichtbedürftigen Baumarten, also unseren klimaresilienten Baumarten, während das Fehlen des Sonnenlichts die jungen schattenertragenden Bäumchen, wie den jungen Buchen, Konkurrenzvorteile verschafft. Ganz entscheidend ist aber der Einfluss des Rehwildes. Rehe äsen liebend gerne die Eichenknospen und das Eichenlaub ab, während sie Buchenknospen eher verschmähen. „Wahrscheinlich sind die Eichenknospen schmackhaft und die Buchenknospen bitter!“ vermutet Förster Ulrich Klotz. Jedenfalls verhelfen die Rehe den Buchen zu einem Vorteil, den diese gnadenlos ausnutzen. „In den Buchenurwäldern der Karpaten hat dies zu einem Wald geführt, der zu 98 % aus Buchen besteht.“ gibt Ulrich Klotz zu bedenken. Gerade die Buche leidet aber unter unserem warm-trockenen Weinbauklima besonders stark. „Dort wo der Trollinger wächst, hat die Buche künftig kaum noch eine Chance!“ betont Ulrich Klotz, „wir müssen alles tun, um mehr widerstandsfähigere Eichenmischwälder zu bekommen!“
Um den Einfluss des Wildverbisses im jungen Wald zu vermeiden, bauen Waldarbeiter und Förster daher Kulturzäune und stellen jährlich hunderte von Wuchshüllen auf. Diese Hüllen schützen die Bäumchen sowohl vor dem Verbiss und zugleich auch vor dem Verfegen durch den Rehbock. Nachdem der junge Wald aus den Hüllen herausgewachsen ist und gefahrlos weiterbestehen kann, müssen die Hüllen wieder abgebaut und eingesammelt werden. „Dies ist eine Herkulesaufgabe, der wir gegenüberstehen! Aber wir nehmen die Herausforderung an. Schließlich gehört das Polyethylen nicht in den Wald!“ erläutert der Förster. Nach sechs bis zehn Jahren im Wald sind die Hüllen spröde geworden und taugen nicht mehr zur Wiederverwendung. Stadtförster Klotz nimmt daher zusammen mit der Herstellerfirma Tubex an einem Versuch zur stofflichen Wiederverwertung teil. Dabei soll das Polyethylen chemisch aufgeschlossen und wiederverwendet werden. Technisch ist dies möglich, fraglich ist nur, ob es sich auch finanziell rechnet. Nichtsdestotrotz wurden die ausrangierten Wuchshüllen am vergangenen Freitag, 17.03.2023 in einen Frachtcontainer verladen und sind nun auf dem Weg in das Recycling.
Denn unser Wald ist unsere grüne Lunge, ist Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten und ihn zu erhalten, ist unser Ziel.


